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Pressemitteilung

Toxic Harvest

Filmabend zeigt globale Ungerechtigkeit im Pestizidhandel auf

von links: Harald Kirsten (ÖDP), Elizabeth Mwikya (SAVALION), Dr. Silke Bollmohr (INKOTA), Martin Ballmann (ÖDP), Johannes Schreiber (AbL)

von links: Harald Kirsten (ÖDP), Elizabeth Mwikya (SAVALION), Dr. Silke Bollmohr (INKOTA), Martin Ballmann (ÖDP), Johannes Schreiber (AbL)

Mit der gemeinsamen Veranstaltung „Deutsches Gift für alle Welt“, die am vergangenen Dienstag in Perchting stattfand, haben der Kreisverband Starnberg der ÖDP und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) auf ein drängendes globales Problem aufmerksam gemacht: den Export hochgefährlicher Pestizide aus Deutschland in Länder des Globalen Südens.

Im Zentrum des Abends stand die Vorführung des Dokumentarfilms „Toxic Harvest“, produziert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Der Film beleuchtet eindrücklich die Auswirkungen von Pestiziden auf Mensch und Umwelt und zeigt, wie eng das globale Ernährungssystem mit dem Einsatz hochgiftiger Chemikalien verknüpft ist. Er begleitet Landarbeiterinnen und Bauern, die täglich mit den gesundheitlichen Risiken konfrontiert sind, und stellt zugleich alternative agrarökologische Ansätze vor, die eine Landwirtschaft ohne Gift möglich machen.

In der anschließenden Diskussion mit der Ökotoxikologin Dr. Silke Bollmohr vom INKOTA-Netzwerk wurde deutlich, wie sehr wirtschaftliche Interessen und globale Machtverhältnisse die derzeitige Praxis prägen. Bollmohr, die seit über 25 Jahren zu Pestizidauswirkungen forscht, insbesondere in Afrika, kritisierte die bestehenden Doppelstandards scharf: „Pestizide, die in der EU aus guten Gründen verboten sind, werden weiterhin produziert und in Länder exportiert, in denen Schutzmechanismen oft unzureichend sind.“

Bumerang-Effekt

Die Diskussion griff zentrale Fragen des Films auf: Wer profitiert vom Einsatz dieser Chemikalien – und wer trägt die gesundheitlichen und ökologischen Folgen? Besonders schockierend für viele Teilnehmende war die Erkenntnis, dass hochgefährliche Pestizide häufig dort eingesetzt werden, wo staatliche Kontrollen schwach sind und Arbeiterinnen kaum Zugang zu Schutzkleidung oder medizinischer Versorgung haben. Berichte über Atemwegserkrankungen, Hautschäden und Schädigungen des Nervensystems unterstreichen die Dringlichkeit des Problems. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass viele der in der EU verbotenen Pestizide über importierte Lebensmittel wieder nach Europa zurückkehren und so letztlich auch auf unseren Tellern landen.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der politischen Verantwortung Deutschlands und der EU. Obwohl das Vorsorgeprinzip innerhalb Europas strenge Maßstäbe setzt, dürfen verbotene Wirkstoffe weiterhin exportiert werden. Deutschland zählt dabei zu den größten Exporteuren. Ein geplantes Exportverbot scheiterte zuletzt an politischen Widerständen, und auch auf EU-Ebene fehlt derzeit eine klare Initiative. Mit Blick auf das geplante EU-Mercosur-Freihandelsabkommen wurde zudem die Sorge geäußert, dass die Pestizidexporte in die beteiligten Länder deutlich zunehmen könnten, da Handelshemmnisse weiter abgebaut werden und sich die Produktion durch die größere europäische Nachfrage ausweiten wird.

EU-Kommission will unbegrenzte Zulassung von Pestiziden

Zugleich wurde auf aktuelle Entwicklungen auf EU-Ebene hingewiesen: Im Europäischen Parlament haben die Verhandlungen zum sogenannten Omnibus-Paket zur Lebensmittelsicherheit begonnen. Der Vorschlag der EU-Kommission wird zentrale Schutzmechanismen schwächen – darunter Ewigzulassungen für Pestizidwirkstoffe, längere Übergangsfristen für bereits verbotene Stoffe, eine Abschwächung der Pflicht zur Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie lockerere Kontrollen bei Rückstandshöchstgehalten. Zudem könnte es schwieriger werden, besonders schädliche Stoffe zügig vom Markt zu nehmen. Da viele Abgeordnete ihre Position noch nicht festgelegt haben, kommt öffentlichem Druck in dieser Phase eine entscheidende Bedeutung zu.

Die Veranstalter sprachen von einem „eklatanten Doppelstandard“ und verwiesen auf die strukturelle Dimension des Problems: Profite würden im globalen Norden erzielt, während die gesundheitlichen und ökologischen Kosten im Süden anfielen. Dies sei eine moderne Form ökologischen Kolonialismus.

Gleichzeitig machte der Abend auch Hoffnung. Der Film und die Diskussion zeigten Beispiele von Bäuerinnen und Bauern, die erfolgreich agrarökologische Methoden anwenden. Diese Ansätze setzen auf Vielfalt, Bodengesundheit und lokale Kreisläufe und reduzieren die Abhängigkeit von chemischen Inputs. Agrarökologie wurde dabei nicht nur als landwirtschaftliche Praxis, sondern als ganzheitlicher Ansatz für mehr soziale Gerechtigkeit und Ernährungssouveränität hervorgehoben.

Kaffeeprojekt SAVALION

Ein konkretes Beispiel für einen solchen positiven Wandel ist das Kaffeeprojekt SAVALION von Elizabeth Mwikya. In dem Projekt werden ostafrikanische Kleinbäuerinnen unterstützt. Ziel ist es, Einkommen zu sichern, umweltfreundliche Landwirtschaft zu fördern und insbesondere Frauen sowie jungen Menschen langfristige Perspektiven zu eröffnen. Die gesamte Wertschöpfungskette vom Anbau über die Verarbeitung bis hin zum Verpacken soll in Afrika verbleiben. Dadurch werden Lieferketten verkürzt, die Transparenz erhöht und echte wirtschaftliche Perspektiven geschaffen. Solche Initiativen zeigen, dass eine gerechtere und nachhaltigere globale Landwirtschaft möglich ist.

Einigkeit bestand unter den Teilnehmenden darüber, dass konkrete politische Schritte notwendig sind. Dazu gehören ein konsequentes Exportverbot für in der EU verbotene Pestizide, die Stärkung von Lieferkettengesetzen sowie eine gezielte Förderung agrarökologischer Ansätze in der Entwicklungszusammenarbeit.

Die Veranstaltung endete mit einem Appell an Politik und Gesellschaft: Umwelt- und Gesundheitsschutz dürfen nicht an nationalen Grenzen enden. Eine gerechte und giftfreie Landwirtschaft sei möglich – wenn der politische Wille vorhanden ist.

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